Zugangsbeschränkungen

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Der VSStÖ setzt sich bedingungslos für einen offenen und freien Hochschulzugang ein, weil Bildung niemandem verwehrt werden darf und allen gleichermaßen zugänglich sein muss – unabhängig von Geschlecht oder sozialer Herkunft. Bildung hat nicht nur einen persönlichen Nutzen, Bildung ist der Motor für Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie. Ihr Ziel ist es, soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft auszugleichen. Doch den freien und offenen Hochschulzugang gibt es de facto nicht. Aufgrund finanzieller Hürden und der mangelnden sozialen Absicherung der Studierenden ist der Zugang nicht für alle gleichermaßen möglich. Oft entscheiden soziale Herkunft und finanzielle Möglichkeiten über den Zugang zu Hochschulbildung. (mehr zu sozialen Selektion) Es gibt viele Gründe für den freien und offenen Hochschulzugang – das sind nur einige einige davon.

Matura als flächendeckende Zulassungsvoraussetzung

Schon jetzt gibt es eine flächendeckende Zulassungsvoraussetzung, um ein Studium beginnen zu können – die Matura. Der größte Einschnitt in der Bildungslaufbahn eines Menschen findet mit zehn Jahren statt, bei der Entscheidung ob eine AHS oder eine Hauptschule besucht wird. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Hauptschule ein Studium zu beginnen (25%) ist weit geringer als nach einer AHS (75%). Grund sind die soziale Herkunft, das Einkommen und der Bildungsgrad der Eltern. Daher braucht es ein ganzheitliches Konzept für ein Bildungssystem, das allen gleichermaßen offen steht und die Basis einer progressiven Gesellschaft bildet, die soziale Unterschiede beseitigt. Ohne Matura ist ein Studium nur durch die „Lehre mit Matura“ oder die „Studienberechtigungsprüfung“ möglich. Letztere ist aber nicht für Drittstaatsangehörige offen und oft teuer und daher nicht leistbar.

Hochschulzugang schon jetzt stark beschränkt (124b, 14h, STEOP, FHs)

Schon jetzt ist der Hochschulzugang nicht völlig offen. An den Universitäten wurden viele Studien durch  den Notfallparagraphen 124b Universitätsgesetz beschränkt (zB Medizin, Psychologie, Publizistik), für fremdsprachige Masterprogramme darf der Zugang ebenfalls beschränkt werden. Der mit der kapazitätsorientierten Studienplatzfinanzierung eingeführte §14h beschränkt darüber hinaus die folgenden Studien mit den für Gesamtösterreich festgelegten Maximalanzahlen an Studierenden, die im jeweiligen Fach zugelassen werden. Das Aufnahmeverfahren muss dabei mehrstufig sein und darf nicht nur aus mündlichen Komponenten bestehen.

Maximalstudierendenanzahlen nach 14h

Studienfeld Gesamt
Architektur und Städteplanung* 2.020
Biologie und Biochemie** 3.700
Informatik 2.500
Management und Verwaltung/Wirtschaft und Verwaltung, allgemein/ Wirtschaftswissenschaft 10.630
Pharmazie 1.370

 

Es wurden so viele Studierende durch das Verfahren, das direkt während der Maturazeit im Mai mit der Anmeldung beginnt, abgeschreckt, dass keine Aufnahmeprüfung durchgeführt wurde. Dass Studierende während dem Prüfungsstress der Matura gezwungen sind Motivationsschreiben oder ähnliches zu verfassen ist schlicht unzumutbar und kann nicht das Ziel sein.

Anders an den FHs, denen das Fachhochschul-Studiengesetz (FHStG) ohnehin erlaubt, den Zugang zu den Studien zu beschränken und Studiengebühren einzuheben. Doch es gibt auch versteckte Zugangsbeschränkungen: die STEOP (Studieneingangs- und Orientierungsphase). Sie werden oft dazu missbraucht, Studierendenzahlen durch Knock-Out Prüfungen mit nur 2 oder 3 Antrittsmöglichkeiten zu reduzieren.

Echte Orientierung und bessere Information

Auch das Publizistikstudium wurde durch § 124b UG beschränkt, die Aufnahmeprüfungen wurden jedoch bisher nie abgehalten. Der erwartete Einstiegstest hat so viele Studierende abgeschreckt, dass die Zahl der Anmeldungen die Studienplätze bei weitem unterschritten hat. Ein derartiger Nachfrageeinbruch aufgrund von Angst und Ungewissheit, kann kein Ziel sein. Vielmehr braucht es gute Information und eine echte Orientierungsphase statt Zugangsbeschränkungen, damit Studierende die Studienwahl aufgrund ihres Interesses und nicht aufgrund (finanzieller) Zwänge treffen können. (mehr zum VSStÖ-Modell einer echten Orientierungsphase)

Benachteiligung finanziell schlechter gestellter Studierender

Die soziale Herkunft bestimmt immer noch den Zugang zu Bildung. Im Medizinstudium ist die soziale Durchmischung so schlecht wie sonst kaum. Seit der Einführung der Aufnahmeprüfungen ist der Anteil finanziell schwächerer Studierender weiter gesunken und mit nun nur mehr 10% deutlich unterrepräsentiert. Für viele sind die teuren Vorbereitungskurse kaum leistbar. Das zeigt, dass der Zugang vom finanziellen Hintergrund der Studierenden abhängt. Diejenigen, die das Geld für solche Kurse nicht aufbringen können, sind weniger gut vorbereitet. Weil sie oft berufstätig sind, um sich das Studium leisten zu können, bleibt ihnen außerdem weniger Vorbereitungszeit. Daher braucht es einen offenen Zugang und aktiven Fördermaßnahmen.

Benachteiligung von Frauen

Jedes Jahr werden durch die Aufnahmeprüfungen zum Medizinstudium Frauen strukturell diskriminiert. 2013 wurden bei 58,4 % weiblichen Bewerberinnen nur 48,3 % zugelassen und auch in den Vorjahren war das Verhältnis von Bewerberinnen zu Zugelassenen miserabel. Eine derartige Benachteiligung von Frauen beim Zugang zum (Medizin-)Studium darf nicht länger geduldet werden.

Bessere soziale Durchmischung an FHs?

Das Wissenschaftsministerium argumentiert oft mit der besseren sozialen Durchmischung an Fachhochschulen. Doch Grund dafür sind weder Studiengebühren noch Zugangsbeschränkungen. Das Studienangebot von Universitäten und Fachhochschulen ist sehr unterschiedlich.  Einkommensschwache Studierende gehen eher auf eine FH und wählen eher technische/wirtschaftliche Studien, weil sie sich die ungewisse Zukunft bei streng wissenschaftlichen universitären Studien mit schwammigen Berufsfeldern nicht leisten können (Studierendensozialerhebung 2011). Das FH-Angebot an berufsbegleitenden Studien ist größer und somit attraktiver für jene Studierenden, die neben dem Studium arbeiten – meist finanziell schwächere Studierende. Dadurch wird die soziale Selektivität von Studienbeiträgen und Zugangsbeschränkungen durch die ohnehin hohe Erwerbstätigkeit cachiert. Auch die bessere regionale Verteilung der FHs erleichtert den Zugang, weil ein geringeres Maß an Mobilität notwendig ist.

Mehr Studierende und höhere Akademiker_innenquote!

In der OECD liegt Österreich bei der Absolvent_innenquote (28%) schon jetzt weit unter dem Durchschnitt (38%). Doch nicht nur die Absolvent_innen- auch die Studienanfänger_innenquoten (50%) liegen weit unter dem Schnitt (56%). Zugangsbeschränkungen, sprich weniger Studienplätze, werden diese Zahlen weiter senken. Dabei sollte es unser Ziel sein möglichst vielen Menschen ein möglichst hohes Bildungsniveau zu ermöglichen. Wir brauchen mehr und nicht weniger Studierende!

Zugangsbeschränkungen bedeuten höhere Jugendarbeitslosigkeit

Studierende werden – egal ob erwerbstätig oder nicht – während ihrer Ausbildung nicht als arbeitslos registriert. Würden Zugangsbeschränkungen eingeführt und die Studienanfänger_innenzahlen drastisch gekürzt, so würde das gleichzeitig eine massive Erhöhung der Jugendarbeitslosigkeit bedeuten, da besonders unter Menschen mit niedrigem Ausbildungsgrad – vor allem in Zeiten der Krise – Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher ist. Konkret würde eine Reduktion der Studienanfänger_innen um 1/3 einen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit von 8,8% auf 11,66 % bedeuten, was einem Anstieg um +32,44% entspricht (nationale Berechnungsmethode). Jugendliche von einer Ausbildung in die Arbeitslosigkeit zu drängen, kann kein bildungspolitisches Ziel sein und gilt es dringend zu verhindern!

Bildung für alle statt Elitenbildung

Sollten Zugangsbeschränkungen statistisch dazu führen, dass die Drop-Out-Quote sinkt, wäre das nur deshalb der Fall, weil sich die soziale Zusammensetzung der Studierenden an den Hochschulen massiv verschlechtert, indem sie zu elitären Bildungseinrichtungen verkommen. Hier studieren dann fast ausschließlich jene, die eine – vom Elternhaushalt ausgehende – finanzielle Absicherung genießen und damit nicht auf einen Nebenerwerb angewiesen sind. Auch sinkende Durchschnittsstudienzeiten und Drop-Out-Quoten, wären nur das Resultat einer fatalen sozialen Durchmischung. Zugangsbeschränkungen ebnen somit den Weg zurück zur Zeit der Eliteuniversitäten. Dabei sollte Hochschulbildung ein Mittel sein, soziale Ungleichheiten zu beseitigen.  

Bildungsausgaben unter OECD-Schnitt

Österreich ist bei Bildungsausgaben Schlusslicht in Europa. 2007 lagen sie nach internationaler Abgrenzung bei 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, mit einer mittelfristig rückläufigen Tendenz. Die OECD-Länder gaben insgesamt im gleichen Jahr 6,2 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Bildung aus. Besonders im Hochschulbereich ist der Anteil am BIP mit nur 1,3 % unter dem OECD-Schnitt und viel zu niedrig, um auch nur den Status Quo an den Hochschulen zu erhalten. Skandinavische Länder liegen mit ihren Bildungsausgaben weit über den unseren, was konsequent auch zu besseren Studienbedingungen und besseren Betreuungsverhältnissen in den Bildungsinstitutionen führt.

Studienplatzfinanzierung ohne Zugangsbeschränkungen

Ein neues Finanzierungsmodell für die Hochschulen ist eine Chance zu zeigen, welche Investitionen tatsächlich notwendig sind, um die Situation zu verbessern und die tertiären Bildungsausgaben nachhaltig zu erhöhen. Laut BMWF und Uniko besteht ein jährlicher Mehrbedarf von ca. 900 Mio. Euro. Grund ist das jahrelange systematische Kaputtsparen des Hochschulsektors. Dieses politische Versagen darf nicht auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen werden. Es ist ein Irrglaube, Zugangsbeschränkungen oder Studiengebühren könnten Abhilfe schaffen. Die Studierendenzahlen müssten dramatisch gesenkt werden und Studiengebühren in einer Höhe eingeführt werden, die den bisherigen Betrag um ein Vielfaches überschreiten. Doch es muss unser Ziel sein, möglichst vielen Menschen ein hohes Bildungsniveau zu ermöglichen, vor allem aufgrund der niedrigen Akademiker_innenquote und der schlechten sozialen Durchmischung. Deshalb muss sich die Politik endlich zur Ausfinanzierung der Hochschulen bekennen.

Europäische Lösungen für europäischen Hochschulraum

Die medialen Zahlen deutscher Studierender sind eine Verdrehung der Tatsachen. Die prophezeite „Welle“ an Deutschen ist bisher ausgeblieben. Außerdem gehen die Studierendenströme in beide Richtungen. Im Verhältnis zu den Gesamtzahlen an Studierenden ist der Prozentanteil der Deutschen, die in Österreich studieren geringer als der Anteil der Österreicher_innen, die in Deutschland studieren. Auch der Vorwurf, ausländische Studierende würden lediglich in Österreich studieren, ist falsch, denn 80% bleiben auch nach dem Studium. Gleichzeitig ist die internationale Mobilität ein Grundpfeiler für den europäischen Hochschulraum. Anstatt Studierenden Hürden in den Weg zu stellen, braucht es eine europäische Lösung (zB Ausgleichszahlungen der betroffenen Staaten).  

Mehr Akademiker_innen bedeuten höhere Steuereinnahmen

Ein höherer Bildungsgrad hat neben einem gesellschaftlichen auch einen wirtschaftlichen Mehrwert. Akademiker_innen verdienen im Schnitt 60% mehr als Erwerbstätige mit reiner Berufsausbildung. Insgesamt ergibt sich bei Hochschulabsolvent_innen durch die Mehreinnahmen aus Steuern und Sozialabgaben sowie den geringeren Ausgaben durch Arbeitslosigkeit das Dreifache der Kosten ihres Studiums. Akademiker_innen zahlen also 66.200 EUR mehr zurück, als ihr Studium gekostet hat.

Bildung ist ein Grundrecht

Es sind bereits viele Gründe genannt worden, warum es einen offenen und freien Hochschulzugang braucht. Letztendlich kämpft der VSStÖ auch deshalb dafür, weil Bildung für uns ein Grundrecht ist und der Zugang zu Bildung für alle gleichermaßen offen sein muss. Mehr zu unseren Bildungsgrunsätzen.

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