Soziale Selektion

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Faire Chancen?

Unser Bildungssystem ist alles andere als fair. Wo der Haken an der Sache ist, bleibt allerdings oft unbemerkt, hat aber einen wesentlichen Einfluss auf uns alle.

Hartnäckiges Gerücht

Das Gerücht, unser Bildungssystem wäre fair hält sich hartnäckig. Kein Wunder. Schließlich sind politische Meinungsmacher_innen auch sehr erpicht darauf, uns das glauben zu machen. Auf den ersten Blick mag das auch gar nicht so unglaubwürdig erscheinen. Schließlich: Wer sich anstrengt bekommt gute Noten. Wer gute Noten hat kann an die Hochschulen und später viel Geld verdienen. So, oder so ähnlich, lautet das vereinfachte bildungspolitische Märchen.

Wer aber einen Blick auf die tatsächlichen Fakten wirft, dem_der fällt es wie Schuppen von den Augen, dass irgendwo ein Haken an der Sache sein muss. Denn Kinder sind im Durchschnitt gleich schlau, egal wo sie geboren sind, wie viel Geld ihre Familie hat oder welchen Beruf ihre Eltern ausüben. Das ist eine Tatsache.

Durchschnittlich gleich schlaue und gleich „begabte“ Kinder starten also ihren bildungspolitischen Lebensweg. Ein Blick auf das Ende der Bildungsleiter zeigt allerdings ein erschreckendes Bild. Von 100 Kindern deren Eltern eine akademische Ausbildung haben, beginnen 72 zu studieren. Von 100 Kindern, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben, schaffen es gerade einmal 8 Kinder an die Uni. Vereinfacht gesagt: Wer das Pech hat, dass seine Eltern weniger Bildung und weniger Geld haben, wird mit einer niedereren Wahrscheinlichkeit ein Studium in Angriff nehmen. Das ist auch eine Tatsache.

Phänomen: Soziale Selektion

Wie aber kommt es dazu? Schließlich gibt es kein Gesetz, dass Menschen aus unteren sozialen Schichten verbietet zu studieren. Womit wir es hier zu tun haben ist allgemein unter dem Begriff „Soziale Selektion“ bekannt. Anders ausgedrückt die Bevorzugung Kindern aus höheren sozialen Schichten. Wie es dazu kommt ist manchmal offensichtlich, meistens aber auf den ersten Blick unsichtbar.

Offensichtlich ist, dass Studieren Geld kostet. Für Menschen aus reichen Elternhäusern ist das Studium leichter zu finanzieren, das ist klar. Menschen mit weniger Geld, müssen dagegen neben dem Studium mehr arbeiten, haben so weniger Zeit zum Studieren, die Studiendauer verlängert sich und sie laufen Gefahr Beihilfen oder Stipendien zu verlieren.

Viel weniger offensichtlich erfolgt aber die Entscheidung überhaupt zu Studieren zu beginnen. Bereits mit 10 Jahren steht der weitere Bildungsweg im Groben fest, nämlich dann wenn entschieden wird, ob ein Kind eine Hauptschule besuchen wird, oder eine AHS. In der Realität entscheiden das allerdings meist nicht die Kinder sondern die Eltern. Jene, die selbst eine AHS besucht haben, schicken ihre Kinder in der Regel ebenfalls in ein Gymnasium. Mit den „Fähigkeiten“ der Kinder hat diese Entscheidung in der Praxis oft wenig zu tun. In ihrer Konsequenz ist sie meist endgültig. Die Chance, dass Kinder die eine Hauptschule besuchen später zu studieren beginnen, ist quasi gleich null. Auch das ist eine erwiesene Tatsache.

Wir halten also fest, dass die Bildung der Eltern entscheidend dafür ist, welche Schule ein Kind besuchen wird. Und dann? Wer gebildete Eltern hat, wird zu Hause mehr Förderung erfahren. Vieles, was in der Schule – und später an der Hochschule – verlangt wird, bekommen diese Kinder ganz selbstverständlich vermittelt.

Fest steht jedenfalls, die angeblich objektiven Kriterien die zum Beispiel zur Erreichung der Matura erfüllt werden müssen, sind für Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten unterschiedlich schwer zu erreichen.

Ein weiterer Aspekt in der Schullaufbahn der Kinder ist auch die Frage ob sich Eltern Nachhilfestunden leisten können oder nicht, ob zu Hause gelesen und diskutiert wird, ob Kinder von klein auf das vermittelt wird was später als Allgemeinbildung attestiert wird, was ihnen also den Weg in akademische Gefilde erleichtert.

Fortsetzung folgt

Und nach dem Hochschulabschluss? Wie Einflussreich das Elternhaus auch dann noch ist, zeigt eine deutsche Studie, welche die Karrierewege von ca. 6500 Ingenieur_innen, Jurist_innen und Wirtschaftswissenschaftler_innen verfolgt.

So sollte anzunehmen sein, dass für Kinder aus sozial schwächeren oder bildungsferneren Schichten, die es geschafft haben sich bis zur Universität durch zu boxen, der Rest ein Kinderspiel ist und sich ihnen, sind sie erst einmal angekommen, dieselben Möglichkeiten eröffnen wie Studierenden aus Akademiker_innenfamilien. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil, die Selektion wird ungebrochen fortgesetzt.

Gerade 0,5 % der Studierenden deren Eltern keine höheren Abschlüsse aufweisen können schaffen es in die erste Führungsebene. Von den Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Konzerne stammen 4 Fünftel aus den „oberen“ 3,5 Prozent der Bevölkerung. Fast jede_r zweite kommt sogar aus den „oberen“ 0,5 Prozent.

Der Wissenschaftler M. Hartmann führt diese Zahlen darauf zurück, dass für leitende Positionen vor allem „Souveränität“ ausschlaggebend sei. Diese „weist in der Regel nur derjenige aus, dem das Milieu von Kindesbeinen anvertraut ist, der sich in Chefetagen nicht fremd, sondern zu Hause fühlt.“

Was bleibt uns da noch zu sagen, außer trocken festzustellen: Die Behauptung unser Bildungssystem wäre fair, ist bestenfalls ein Irrtum oder aber eine unverschämte Lüge.

Unsere Forderungen:

  • Kindergärten müssen Bildungs- statt Betreuungsinstutionen sein. Denn soziale Selektion beginnt bereits im frühkindlichen Alter. Dementsprechend muss sowohl die Ausbildung als auch die Entlohnung von Kindergartenpädagog_innen aufgewertet werden.
  • Einführung einer Gesamt- und Ganztagsschule. Lernen darf nicht auf privaten Nachhilfe-Institute ausgelagert werden, die frühe Trennung zwischen Hauptschule und Gymnasium muss fallen.
  • Sitzenbleiben abschaffen! Nichts demotiviert mehr, als ein ganzes Jahr aufgrund von Schwächen in einem einzigen Fach nachholen zu müssen. Mit einer Modulschule kann dem entgegengewirkt werden.
  • Lehrer_innenausbildung NEU! Pädagog_innen müssen heute ganz anderen Anforderungen gerecht werden, wir brauchen motivierte und engagierte Lehrkräfte, die mehr können als Frontalunterricht.
  • Echte Orientierung bereits in der Schule. Dort müssen Schüler_innen die Möglichkeit geboten bekommen, sich einen Überblick über verschiedene Bildungs- und Ausbildungswege zu verschaffen. Mit einer Berufsinformationsmesse ist es da nicht getan.
  • Freier und offener Hochschulzugang. Zugangsbeschränkungen wirken sozial selektiv, der EMS-Test an den medizinischen Universitäten hat das bereits bewiesen. Es darf keine finanziellen Hürden geben, ein Studium zu beginnen.
  • Soziale Absicherung! Nur wenn das Stipendiensystem grundlegend reformiert wird und Studierende nicht mehr an der Armutsgrenze leben müssen, kann soziale Selektion verhindert werden.

 

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