Queer

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Etymologisch herbeigeführt bedeutet dieses Wort ungefähr soviel wie „seltsam, sonderbar, leicht verrückt, krank“ aber auch „gefälscht, fragwürdig“. In der englischen Umgangssprache wird es oft auch als Schimpfwort gegen geschlechtliche und sexuelle Existenzweisen gebraucht, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen. Allgemein richtet sich das Schimpfwort „queer“ unbestimmt gegen alle, die nicht der moralischen Mehrheit angehören. Aufgrund der Diversität des Begriffes „queer“ und aller darin eingeschlossenen „Minderheiten“ wurde die Queer Bewegung auch als »Regenbogenkoalition« bezeichnet. Daraus erklärt sich die Verwendung der Regenbogenfahne als Symbol der Queer Bewegung. Doch seit Mitte der 1980er Jahre wurde der Begriff queer entgegen des schimpfwörtlichen Alltagsgebrauchs als positive Eigenbezeichnung von „sexual and gender outlaws“ positiv angeeignet und etablierte sich als Bezeichnung für einen besonderen politischen Aktivismus – die queer politics – und einer wissenschaftlichen bzw. theoretischen Denkrichtung – der Queer Theory. Die queeren Theorien und Praxen beschäftigen sich vor allem mit folgenden Schwerpunkten:

  • Den „natürlichen“ Zusammenhängen zwischen dem biologischen Geschlecht, dem gesellschaftlichen Rollenbild und dem Begehren einer Person (sex/gender/desire)
  • Mit der Frage, ob Heterosexualität nichts weiter als eine gesellschaftliche Norm ist
  • Vor allem auch übt sich dieser Bereich in der Kritik an den Normen der Identitätspolitik und setzt sich für eine Anerkennung von Existenzen fern der „Frau-Mann“ sowie der „Hetero-Homo“-Schubladen ein.

Queer fand also als politische Bewegung ihren Anfang in Mitte gegen Ende der 1980er Jahre in den USA. Die Bewegung der Gay-Liberation (Homo-Befreiungsbewegung) als auch der lesbische Feminismus entwickelten sich von stark radikalen Bewegungen weg und tauschten ihre obersten Prinzipien aus. Nicht mehr die vollkommene sexuelle Revolution war ihr Ziel, sondern Forderung nach Bürger_innenrechten für die neu etablierten Identitäten der Schwulen und Lesben. Obgleich die Schwulen-, Lesben-, und Frauenbewegung separatistische Politiken mit sehr verschiedenen Ausrichtungen verfolgen, leitete die fortschreitende Hinwendung zur „Lobby-Politik“ und der Institutionalisierung dieser Bewegungen den Drang nach einem neuen, umfassenderen Konzept. Ein weiterer Beweggrund für die Entstehung von queer politics, waren die voranschreitenden sozialen Folgen von HIV/AIDS. Die Marginalisierung der so genannten Risikogruppen (homosexuelle Männer, Prostituierte,…) führten zu einem neuen Entfachen von Homophobie, unter der auch lesbische Frauen litten. Vor diesen Hintergründen entstand eine neue, aggressive Politik. Queer Politics versuchten, die institutionalisierten Standpunkte der Identitätspolitik auszubrechen, und verstanden sich als neue Form der Bündnispolitik von sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen „Randgruppen“. Trotz aller Unterschiede stand die gemeinsame Forderung nach Redefinition von Identität im gemeinsamen Vordergrund. Im deutschsprachigen Raum wurde Queer Theory vor allem durch Judith Butlers Buch „Gender Trouble. Feminism and the subversion of Identity“ wahrgenommen. Butlers Annahme das sex (biologisches Geschlecht) immer schon gender (soziales Geschlecht) gewesen sei, provozierte eine erneute Diskussion innerhalb der feministischen Reihen über die Dekonstruktion der bisherigen Identitätspolitik.

Heteronormativität – what’s that?

Eine grundlegende Kritik der Queer Theory ist die „Norm der Heterosexualität“ in unserer Gesellschaft. Diese Norm bzw. Institutionalisierung versucht die Queer Theory sichtbar zu machen. Beispiele für die Institutionalisierung von Heterosexualität lassen sich nicht nur in der Werbung und in den Medien finden, auch Familienkonzeptionen und deren rechtliche Absicherung bilden ein Fundament für die Heteronormativität und lassen kaum Platz für andere Formen des Familien- oder Privatlebens. Heteronormativität ist ebenso die Kritik an der Dichotomie der Geschlechter, also dass es nur Mann/Frau bzw. männlich/weiblich gibt, wie eben die Systematisierung heterosexueller Lebensformen in unseren Gesellschaftssystemen.

Feminismus und queer?

Feminismus spielt schon seit ihrer Entstehung eine wichtige Rolle in der Queer Theory. Wie auch im Feminismus ist die Herrschaftskritik in der Queer Theory von wesentlicher Bedeutung. Diese Kritik steht immer im Zusammenhang mit der hierarchischen Konstruktion der Geschlechterdifferenz in unserer Gesellschaft. Die Queer Theory stellt keinen Ersatz für den Feminismus dar, sie könnte höchstens in wenigen Bereichen als Addition beziehungsweise gemeinsamer Nenner mehrerer Bewegungen betrachtet werden.

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