Kapitalismus

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Eines ist sicher, der Kapitalismus funktioniert einfach nicht. Zumindest für die Meisten – einige Wenige hingegen verdienen sich sprichwörtlich eine goldene Nase. Dass es auf der einen Seite Slums, Hunger und Elend und auf der anderen Villen, Yachten und Überfluss gibt, ist aber kein Fehler in diesem System, es ist sein grundsätzlichster Bestandteil (Bilder dazu).

Es gibt zwar die Lebenslüge des Kapitalismus, dass alle alles erreichen könnten, und jede_r ihres oder seines Glückes Schmied_in sei, aber diese Phrasen halten keiner näheren Betrachtung stand. Denn niemand kommt mit neutralem gesellschaftlichem Status zur Welt und so bleibt es dabei, dass die Kinder reicher Eltern später meistens selber reiche Eltern werden, deren Kinder wieder reiche Eltern werden, wohingegen die Kinder armer Eltern selbst eher arme Eltern werden und so weiter. Natürlich gelingt es ab und zu ein paar Menschen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, aber selbst dabei gilt immer noch jede_r kann reich werden – aber nicht alle. Folglich ist die Armut der Einen IMMER der Reichtum der Anderen und umgekehrt – darum funktioniert der Kapitalismus einfach nicht.

Was ist Kapitalismus?

Kapitalismus bedeutet grob umrissen, eine Gesellschaftsform, in der die so genannten Produktionsmittel (also alle Maschinen, Geräte oder Werkzeuge mit denen Waren erzeugt werden können) einer Gesellschaftsgruppe gehören, die damit ihren Profit erzielt: der Kapitalist_innenklasse. Da diese dadurch die meiste Macht innehat, kann sie andere gesellschaftliche Klassen ausbeuten, was eine Spaltung der Gesellschaft in herrschende und beherrschte notwendig macht. Kapitalismus ist demnach mehr, als die Art, wie wir unsere Wirtschaft organisieren, er ist ein gesellschaftliches System, das auf der wirtschaftlichen Ausbeutung einer Mehrheit durch eine Minderheit aufbaut. Das passiert aber nicht, wie in früheren Epochen durch direkte Gewaltanwendung (Vgl. Sklaverei, Leibeigenschaft) sondern aufgrund der Verteilung des Eigentums an den Produktionsmitteln. Wer dieses besitzt, kauft die Arbeitskraft der Lohnabhängigen ein, sodass sie für sie oder ihn Profit erwirtschaften. Der deutsche Philosoph Karl Marx spricht von der/ dem doppelt freien Lohnarbeiter_in: Frei von Unterdrückung und frei von Eigentum, außer der eigenen Arbeitskraft. Es gibt dadurch einen sehr wichtigen Widerspruch, der diesem System zugrunde liegt, nämlich den zwischen Arbeit und Kapital. Kurz zusammengefasst bedeutet das, dass wer in unserem System arbeitet nichts erwirbt und wer erwirbt nicht arbeitet, sondern arbeiten lässt.

a) Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit

Das führt zu einer immer größer werdenden Spaltung zwischen den herrschenden Reichen und dem beherrschten Rest. Karl Marx hat den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts in seinem Werk „Das Kapital“ analysiert und oben genannten Widerspruch als, bei ihm so genannten, Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital erkannt.

b) Mehrwerttheorie

Auch legte er dar, woher der Gewinn stammt, den die Kapitalist_innen machen. Dieser entspringt nämlich der Ausbeutung der Arbeiter_innen und dem so gewonnen Mehrwert. Die Mehrwerttheorie beruht darauf, dass ein_e Arbeiter_in zum Beispiel in drei Stunden Arbeitszeit ihren Lohn erwirtschaftet, aber Acht Stunden arbeitet. Die fünf überzähligen Stunden schaffen den Gewinn für die/ den Kapitalist_in.

c) Entfremdung

Aber damit nicht genug, denn das führt weiters zur Entfremung der Arbeiter_innen vom Arbeitsprodukt und von ihr/ sich selbst. Denn die Tätigkeit produziert nicht nur fremden Reichtum und fremdes Privateigentum der Kapitalist_innen, sondern sie reproduziert auch die Arbeitsverhältnisse durch die sie/ er ausgebeutet wird: Die Lohnarbeit. Die/ der Arbeiter_in wird umso ärmer, je mehr Reichtum diese_r produziert. Das Produkt der Arbeit gehört nicht ihr oder ihm, sondern anderen, die eigene Arbeit befriedigt keine eigenen Bedürfnisse. Vorallem das Bedürfnis nach Arbeit wird nicht befriedigt und Arbeit dient als Umweg dazu, andere Bedürfnisse wie Essen, Wohnen, Erholung, etc. zu befriedigen.

d) Doppelcharakter der Ware

Güter werden überhaupt nicht mehr zur Bedürfnisbefriedigung produziert, sondern zum Verkauf, sie werden zur Ware. In kapitalistischen Gesellschaften wird nach und nach alles zur Ware, also sogar Bildung oder Gesundheit. Denn Waren zeichnen sich dadurch aus, neben dem Gebrauchswert, also der Nützlichkeit eines Gutes, auch einen Tauschwert zu haben (Karl Marx spricht vom Doppelcharakter der Ware: Gebrauchswert & Tauschwert).

e) Warenfetisch – die Magie des Geldes

Das führt zum nächsten Phänomen des Kapitalismus, nämlich zum Warenfetisch. Der Tauschwert ist nämlich keine Eigenschaft, die den Produkten von Natur aus zukommt, sie wird ihnen durch die Gesellschaft zugesprochen. Warenfetisch heißt demnach, dass den Produkten ihr Wert quasi religiös als dingliche Eigenschaft zugesprochen wird. Hinter dem Wert stecken aber vielmehr gesellschaftliche Verhältnisse. Das erklärt beispielsweise das Geheimnis, wieso Menschen auch in Mitteleuropa Wasser um über drei Euro in Plastikflaschen kaufen, obwohl es nahezu umsonst aus der Wasserleitung kommt. Kapitalismus ist kein unbelebtes Ding, keine göttliche Macht, es ist von Menschen gemacht und deshalb auch veränderbar.

Geld bildet allerdings eine Ausnahme, denn es ist eine Ware, die keinen Gebrauchswert, sondern nur einen Tauschwert besitzt. Da im Kapitalismus chaotisch und unabhängig voneinander produziert wird, braucht es eine nachträgliche Vergesellschaftung über eine Umrechnung in Geld. Es kann aber auch selbst durch Verzinsung Mehrwert erzeugen, was immer wieder zu Spekulationen und unweigerlich darauf folgenden Krisen geführt hat.

Warum haben wir ein Problem mit dem Kapitalismus?

Der Kapitalismus hemmt die menschliche Entwicklung in jeder erdenklichen Art und Weise. Aufgrund der chaotischen Produktionsweise, die sich darauf verlässt, jedes Angebot würde sich auf zauberhafte Weise die Nachfrage selbst schaffen, werden Ressourcen sinnlos verpulvert. Durch den grundlosen Glauben an unsichtbare Marktkräfte wird Arbeitskraft verschwendet, indem Menschen arbeitslos gehalten werden. Gemäß dem Dogma von Angebot und Nachfrage wird durch viele Arbeitslose die „Ware Arbeit“ billiger. Arbeitslosigkeit ist also auch kein Fehler im System, sondern ein Bestandteil. Wir haben unseren Wohlstand trotz und nicht wegen dem Kapitalismus erreicht. Was uns der Kapitalismus hingegen bringt sind u.a. Klassenkampf, Rassismus, Frauenunterdrückung, Religiösität, Umweltzerstörung, Krisen, Kriege und Krankheiten. Dass diese Auswüchse unserer Gesellschaftsordnung aus den Produktionsverhältnissen (und den daraus resultierenden Herrschaftsverhältnissen) folgen, entlässt uns nicht von Verantwortung umsichtig, nachhaltig oder politisch korrekt zu handeln.

a) Klassengesellschaft

Da Karl Marx und viele seiner ideologischen Nachfolger_innen vor allem die ökonomischen Zusammenhänge im Kapitalismus kritisierte, wurde der Kapitalismus oft als Wirtschaftsordnung abgetan. Der Erwerb von Reichtum geschieht nicht zum Selbstzweck, denn ein Anwachsen der ökonimischen Potenz bedeutet vice versa auch ein Anwachsen der politischen Potenz. Es hat sich nicht die Ökonomie von der Politik gelöst, die Ökonomie bedingte die Politik, sie hat sie in Form des bürgerlichen Staates geschaffen, um die viel zitierten Rahmenbedingungen abzustecken. Das was wir heute als Politik verstehen ist ein Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise, was erklärt, warum unsere Gesetze in erster Linie Besitz und Eigentum, nicht aber demokratische Freiheit oder politische Teilhabe schützen. Politik ist im Moment keine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns gemeinsam hilft, unsere Umwelt zu gestalten. Weil die Demokratie am Schul- oder Werkstor endet, bleibt Mitbestimmung eine hohle Phrase und das Eigentum an Wissen und Produktionsmitteln in den immer gleichen Händen. Die herrschende Klasse besteht und bestand nie nur aus Fabriksbesitzer_innen, auch das Eigentum an Medienmacht, an religiösen Ämtern, Beziehungen oder Bildung entscheidet, wer wie viel Teilhabe an der Herrschaft hat. Diese Spaltung der Gesellschaft in Herrscher_innen und Untertan_innen ist älter, als das kapitalistische System. Sie der Grund der dauernden gesellschaftlicher Unruhe, von Klassenkampf und Revolutionen – solange es Klassengesellschaften gibt, wird es auch soziale Kämpfe geben.

b) Rassismus

Da das System auf Ausbeutung beruht, braucht es Mechanismen, die die Ausgebeuteten am gemeinsamen Widerstand hindert. Das ist auch der Grund, warum auch im 21. Jahrhundert Rassismus (in Österreich euphemistisch gerne „Ausländer“feindlichkeit genannt) und Frauenunterdrückung nicht verschwunden sind. Denn wer etwa Arbeitsplätze für Österreicher_innen fordert, versteckt die gemeinsamen Interessen aller Lohnabhängigen und die ökonomischen Gründe für Arbeitslosigkeit unter der nationalen Decke. Darum hören wir auch immer häufiger von einer angeblich viel größeren Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft oder vom Ende der Klassen. Die Bezugspunkte, nach denen jetzt (post)modern ausdifferenziert wird, werden losgelöst von ökonomischen Zusammenhängen dargestellt. Demnach gibt es unterschiedliche Berufsgruppen wie Verkäufer_innen, Praktikant_innen, Ich-AGs, Leiharbeiter_innen, Büroangestellte, usw. die alle als Gruppen mit völlig unvereinbaren Interessen gedacht werden.

c) Frauenunterdrückung

Frauenfeindlichkeit ist für den Kapitalismus einerseits aus ähnlichen Gründen wie Rassismus nötig, andererseits auch deshalb, weil die Reproduktionsarbeit (d.h.: alles was nötig ist, um die Arbeitskraft ausbeutbar zu halten, also zum Beispiel die Kindererziehung) so geleistet werden muss, dass sie die Kapitalist_innen nichts kostet. Deshalb ist rechten Politiker_innen auch die Mutter am Herd so wichtig und öffentliche Kinderbetreuung ein Gräuel. Aus diesen und vielen anderen Gründen werden Frauen in einem Kreislauf der Häuslichkeit und Fürsorge gehalten. Durch die Gesellschaft in der wir leben, einer kapitalistischen, bekommen Frauen schon im frühen Kindesalter anerzogen wie sie dem System zu dienen haben. Aus diesem Kreislauf auszubrechen ist leider nur den wenigsten Frauen möglich und wenn, dann erfordert das eine gewisse soziale und finanzielle Absicherung, also einen gewissen Wohlstand. Das spaltet die Frauen der verschiedenen Klassen und hilft, ein damit verbundenes Aufbegehren gegen diesen Zustand der Ungerechtigkeit im Keim zu ersticken.

d) Religiösität

Der tröstliche Aberglaube an eine Fortsetzung der eigenen Existenz nach dem Tod oder an einen Sinn des Daseins ist viel Älter als der Kapitalismus, dennoch hat sich unser System dieses alte Unterdrückungsmittel zu Eigen gemacht. Religionen haben seit Jahrhunderten die herrschenden Klassen an der Macht gehalten, wenn die Kirchenherren nicht gleich selbst regiert haben. Heute wird kaum ein_e Regierungschef_in ausschließlich durch eine Kirche an der Macht gehalten, eine wichtige Rolle spielen sie in unserer heutigen Klassengesellschaft trotzdem. Die Spaltung in diese oder jene Religionsgruppe und die Aufrufe aller Religionen, sich im Diesseits jede Ausbeutung gefallen zu lassen und dafür himmlische Belohnungen zu erhalten tragen dazu bei, dass unser System stabil bleibt.

e) Umweltzerstörung

Die nachhaltige Schädigung unseres Planeten hat – entgegen der medial verbreiteten Propaganda – ihre Gründe nicht in der Bosheit oder Gier von ein paar skrupellosen Geschäftemacher_innen. Der Grund liegt vielmehr in der permanten Notwendigkeit für Kapitalist_innen, mehr und Kapital zu akkumulieren und billiger zu produzieren, als die Konkurrenz. Deshalb exportieren Hungerstaaten Getreide oder bauen auf fruchtbarem Ackerland Exportgüter wie Kaffee an. Deshalb verlagern Konzerne ihre Produktionsstätten in Länder ohne Umweltauflagen und verhindern die Einführung ebensolcher so lange wie möglich.

f) Krisen

Die Gegenwart führt uns die Krisenanfälligkeit der kapitalistischen Ökonomie einmal mehr eindrucksvoll vor Augen, wobei im Diskurs allerdings auffällt, dass Krisen aus „Katastrophen“ oder „Unfälle“ dargestellt werden. Das ist nicht richtig, denn die chaotische Produktionsweise des Kapitalismus benötigt immer wieder massenhafte Vernichtung von Werten. Die Konkurrenz sorgt dafür, dass alle Kapitalist_innen danach trachten, ihren Konkurrent_innen voraus zu sein, darum erhöhen sie ihren Profit durch Investitionen. Das geht solange gut, bis die Konkurrenz nachzieht, was Überkapazitäten schafft. Es können also nicht mehr alle Unternehmen all ihre Waren absetzen. Das lässt sich am besten in der Autoindustrie beobachten. Da aber die angeschafften Maschinen (Marx spricht vom konstanten Kapital) sich nicht weiter ausbeuten lassen, erhöhen die Unternehmer_innen die Ausbeutung der Arbeiter_innen durch niedrigere Löhne oder längere Arbeitszeiten. Da das aber nicht so einfach ist, wurde durch Privatisierungen neue Profitmöglichkeiten geschaffen oder an den Finanzmärkten spekuliert. Im Kapitalismus entstehen Krisen nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss an Waren.

g) Kriege

Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.
Bertolt Brecht

Wir wissen nicht erst seit dem letzten Irakkrieg, dass Kriege in erster Linie der Absicherung von ökonomischen Interessen dienen. Gerechtfertigt werden sie auf vielfältige Art und Weise, sei es aus humanistischen, religiösen oder anderen Gründen. Mit Kriegen lassen sich soziale Spannungen kurzfristig zudecken, sei es durch den grässlichen nationalen Schulterschluss, auf den so viele vor Kriegen hereinfallen, sei es durch das Wegschicken der sozial Schwachen, sei es, weil alle öffentliche Aufmerksamkeit auf den Krieg fokussiert wird. Auch die materielle und ideologische Aufrüstung durch EU-Armee und Islamfeindlichkeit, schlägt in diese Kerbe.

h) Krankheiten

Da im Kapitalismus alles zur Ware wird, gibt es Pharmakonzerne, die uns Gesundheit verkaufen, oder dies zumindest vorgeben. Krankheiten wie AIDS sind zwar bereits behandelbar, das Problem ist allerdings, dass Patente verbieten, diese weltweit allgemein zugänglich zu machen. So durfte die südafrikanische Regierung keine AIDS-Medikamente als Generika herstellen. Doch AIDS ist nur ein Beispiel von vielen. Täglich sterben für den Gewinn der großen Pharmakonzerne überall auf der Welt Menschen an Krankheiten, die längst behandelbar sind.

Wie weiter oben schon festgehalten, erfolgen im Kapitalismus Krisen nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss – in Teilen der Welt. Denn während wir unsere Überproduktion mit staatlichen Konjunkturpaketen und Massenentlassungen in den Griff zu kriegen versuchen, verhungern in Teilen der Welt nach wie vor Menschen. Um den Preisverfall zu stoppen, wurden infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 in Brasilien zehn Millionen Sack Kaffee vernichtet, wurden hunderttausende Schafe in Argentinien geschlachtet. In Lateinamerika wird noch immer tonnenweise Kaffee, der auf guten Ackerflächen angebaut wurde, aus denselben Gründen ins Meer gekippt, darum bezahlt die EU Bäuer_innen dafür, auf manchen Ackerflächen nichts anzubauen. Weil es nicht profitabel ist, global gemeinsam den Welthunger endlich ins Gruselkabinett der dunkelsten Epochen unserer Geschichte zu stellen, passiert es nicht. Der Kapitalismus zielt auf Profite ab, Essen bekommt nur, wer bezahlen kann. Darum wird jedes Kind und jeder Mensch die/ der verhungert schlicht ermordet. Der Kapitalismus hat in seiner knapp zweihundertjährigen Geschichte die gewaltigsten Wanderungsbewegungen, Kriege und Produktivkräfte aller Zeiten entfesselt. Die Natur wurde beispiellos geschädigt, Kulturen wurden vernichtet, Völker und Erdteile wurden in historisch einzigartige Armut und Hoffnungslosigkeit gestürzt

Diese Mängelliste unseres Systems erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie ist nur ein Auszug dessen, was alles falsch läuft in einer Gesellschaft, die auf einem Primat der Ökonomie über die Politik fußt. Politik meint in diesem Fall nicht die bürgerliche Demokratie, die Scheinherrschaft von graumelierten Männern in schwarzen Anzügen, sondern uns alle, in der Art, wie wir unser Leben, unsere Umwelt und eben unsere Wirtschaft organisieren. Nicht wir müssen uns an die Wirtschaft anpassen, die Wirtschaft muss sich an uns anpassen. Das Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg ist es aber, Ausbeutung und Unterdrückung nicht nur indirekt und unsichtbar auszuüben, sondern weite Teile der Bevölkerung in die Konsumgesellschaft zu integrieren. Das heißt, dass sich so viele Menschen wie nie, eine Unzahl an sinnlosen Waren zur eigenen Berauschung leisten. Das gelingt auch durch einen gewissenlosen Umgang mit Krediten, ungeachtet der Möglichkeiten der Schuldner_innen, diesen jemals zurückzahlen zu können. Wieso sich Menschen, mit geringem Einkommen Videospielkonsolen, Smartphones oder Heimvideoanlagen besorgen lässt sich auch recht gut mit Hilfe der Idee des Warenfetischs erklären. Vor allem die bürgerlichen Medien tendieren aber immer stärker dazu, unwidersprochen Fragen sozialer Ungleichheit zu Phänomenen kultureller Differenz zu erklären. Probleme materieller Not und politischer Entrechtung werden zu Fragen kultureller Entfremdung und sozialer Integration umdefiniert. Die Schlechtigkeit der Armut wird nicht kritisiert, sondern die Schlechtigkeit der Armen. Deshalb gelten Arbeitslose nun nicht mehr als Opfer eines profitfixierten Systems, sondern schlicht als faul oder gar dumm. Ebenso ergeht es den Migrant_innen, die auch noch den Zorn ihrer Klassengenoss_innen ernten, da sie die herrschende Kultur und Sprache, nicht übernehmen wollen. Die herrschende Kultur und Sprache bedeutet in diesem Gesellschaftssystem natürlich die Kultur und Sprache der Herrschenden Klasse. Die Assimilation wird zur Integration umgetauft und diejenigen, die am kulturellen Leben und am gesellschaftlichen Reichtum ohnehnin nicht partizipieren dürfen, verteidigen Kultur und Reichtum ihrer Unterdrücker_innen gegen ihre als andersartig definierten Leidensgenoss_innen.

Was uns der Kapitalismus hingegen bringt ist die glitzernde Konsumwelt einer Auswahl ohne Unterschiede. Deshalb produziert die „freie Marktwirtschaft“ ein und dasselbe Produkt unter zehn verschiedenen Namen und in dreißig verschiedenen Verpackungen. Er produziert auch durch die massenmediale Verdummung und angenehme Lügen. Die Verlendeten können sich im Privatfernsehen am Schicksal der anderen Elenden erfreuen. Deshalb heißen Kriege auch nicht mehr Kriege, sondern humanitäre Interventionen. Aber es ist falsch, zu sagen das Motto des Kapitalismus wäre „nach uns die Sintflut“, richtigerweise sollte es lauten: „Durch uns die Sintflut.“

Was wäre eine Alternative zum Kapitalismus?

Es gibt also sehr viele Gründe, die gegen den Kapitalismus sprechen, was könnte aber als Alternative aufgebaut werden? Für uns als VSStÖ ist das Ziel natürlich der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Wie eine solche aussieht, können wir aus heutiger Sicht nicht sagen, denn einen Plan der auf einem Reißbrett gezeichnet ist, gibt es nicht. Schon der Weg, den wir zu einer besseren Gesellschaft einschlagen, trägt entscheidend dazu bei, wie das Ergebnis aussehen wird. Ganz abgesehen von technischen Innovationen oder den Folgen der gesellschaftlichen Kräfteverschiebungen, die auf uns zukommen.

Dennoch gibt es ein paar wesentliche Eckpunkte, durch die sich eine sozialistische Gesellschaft von dem, was wir heute erleben unterscheiden würde. Ein Hauptunterschied wäre, dass an Stelle der momentanen Scheindemokratie eine wirkliche Demokratie treten würde, die uns erlauben würde, unsere Wirtschaft nach unseren Bedürfnissen auszurichten. Auch der sinnlose, autoritäre Störfaktor Chef_in und der größerer Anteil am gemeinschaftlich erwirtschafteten Wohlstand von diesen Chefitäten könnte verschwinden. Die Tatsache, dass schon jetzt in vielen Büros und Betrieben auf Teamarbeit gesetzt wird, zeugt von der höheren Effektivität einer egalitäreren Arbeitsstruktur. Wie der Ruf konservativer Politiker_innen nach Vermögenssteuern ist das aber noch lange kein Zeichen, dass sich endlich Vernunft und Sozialismus Bahn brechen. Teamarbeit dient als Methode, auch die Lohnabhängigen mit in die Verantwortung zu nehmen, um die Arbeitsintensität zu erhöhen – Vermögenssteuern sollen den sozialen Frieden trotz Sozialabbau, Pensionsraub und Reallohnverlusten sichern.
Eine sozialistische Gesellschaft ist aufgrund des Wegfalls der idiotischen Konkurrenz imstande weitaus effizienter und ressourcenschonender zu arbeiten. Schon alleine wenn wir daran denken, dass Transportwege rund um den halben Globus zugunsten regionaler Nahrungsproduktion wegfallen würden, wenn geplant statt konkurrenzorientiert gedacht würde. Auch die Tatsache, dass in Eritrea die Wertschöpfung der Landwirtschaft ein knappes Prozent der Wertschöpfung von Industrieländern wie Österreich ausmacht, zeigt, wie viel Spielraum für Effizienzsteigerungen durch das Konkurrenzprinzip gelassen wurde.

Wenn wir endlich damit Schluss machen würden, dass die Einen krank werden, weil sie zu viel arbeiten müssen und die Anderen krank werden, weil sie nicht arbeiten dürfen, würde das viele Probleme lösen. Seit vielen Jahren steigt die Produktivität der Arbeiter_innen in unserem Land permanent, wohingegen die Arbeitszeit nicht abnimmt. Eine Arbeitszeitverkürzung auf 25 oder weniger Wochenstunden ist keine Illusion, sie wäre sofort umsetzbar, mit allen positiven Folgen. Auch könnte die Arbeitszeit noch weiter reduziert werden, indem durch das Wegfallen der Konkurrenz, sinnlose Wirtschaftszweige wie die Rüstungsindustrie oder die Werbebranche überflüssig werden würden. Auch die Bürokratie würde drastisch schrumpfen, da bei freier medizinischer Versorgung oder universitärer Ausbildung für alle, keine menschliche Arbeitskraft mehr auf die Aufrechterhaltung einer künstlich geschaffenen Mangelverwaltung verschwendet werden müsste. Auch die Verwaltung von Armut und Arbeitslosigkeit durch öffentliche Institutionen würde wegfallen. Keine Arbeit würde mehr vielfach durch zig private Unternehmen gemacht, die eines alleine viel unaufwendiger schaffen könnte. Als Beispiele seien hier private Paketdienste, die unabhängig voneinander zigmal mit Lieferwagen durch ein und die selbe Straße fahren und dadurch Benzin und Arbeitszeit verplempern und Handynetze, die alle ihre eigenen Masten und Netzkapazitäten aufbauen genannt. Dadurch könnten wird, wo vielleicht mehr statt weniger Arbeitskraft gebraucht wird, wie etwa Pflege und Gesundheit auch mehr Menschen beschäftigen.

Auch kann es nur in einer freien, vorurteilslosen Gesellschaft möglich sein, die eigene Persönlichkeit, das Geschlecht und die Sexualität zu entfalten und zu leben, unabhängig von althergebrachten Normen und erlogenen Realitäten. Das könnte das Ende der Familie, wie wir sie kennen führen – oder auch nicht. Das wird sich zeigen, das Ziel muss aber bleiben, dass sich alle Menschen bestmöglich entwickeln und entfalten können.

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