Am 19. November ist der internationale Weltmännertag, der den perfekten Anlass bietet, sich mit bestehenden gesellschaftlichen Strukturen auseinanderzusetzen. Wieso? Auch Männer leiden unter einer Gesellschaft mit patriarchalen Strukturen: Sie werden von ihren Emotionen entkoppelt – sich Unterstützung zu suchen, gilt als Schwäche. Der endlose Drang, die eigene Männlichkeit zu beweisen, endet nicht selten darin, die eigene Gesundheit zu ignorieren und den Alltag nur durch Substanzen bewältigen zu können. Im Jahr 2021 liegt die Lebenserwartung von Männern 5,3 Jahre unter der von Frauen und die Suizidrate von Männern ist auch deutlich höher als die von Frauen. Das ist kein Zufall.

Du glaubst uns nicht? Dann begleite uns auf eine Reise in deine Kindheit.

Wie viel waren die Väter deiner Freund*innen zuhause? Wie viel war dein Vater zuhause? War dein Vater oft krank? Hat dein Vater über seine Gefühle gesprochen? Hast du deinen Vater jemals weinen gesehen? Stattdessen wird harte Arbeit befürwortet. Dummerweise haben viele Männer nur nie gelernt, auf sich selbst oder auch ihre Mitmenschen zu achten. Sie wurden und werden teilweise immer noch bekocht und umsorgt, damit sie 24/7 ihrer Arbeit nachgehen können. Ihr Bett zu machen lernen sie dann halt beim Bundesheer. Und kochen? Wofür hat man denn sonst eine Frau?!

Gewalt ist nicht angeboren, Kinder erlernen Gewalt wie eine Sprache.

Eine Gesellschaft mit patriarchalen Strukturen promoviert die Hierarchie von Männern über Frauen, ermutigt die Entmenschlichung und Objektifizierung von Frauen und führt zu männlicher Gewalt. Denn: Gewalt ist nicht angeboren. Kinder erlernen Gewalt wie eine Sprache. Sie lernen, ein Bild auszumalen. Sie lernen rechnen, schreiben, lesen. Sie lernen, wie ihr Vater mit ihrer Mutter umgeht. An unseren Eltern lernen wir, was Männlichkeit und Weiblichkeit bedeutet. Wir lernen an unseren Eltern, wie wir selbst eines Tages – bewusst oder unbewusst – in einer Beziehung mit unserer Partnerin oder unserem Partner umgehen.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die weiblich Gelesenen unter uns in ihrer Kindheit „Vater, Mutter, Kind“ gespielt haben. Puppen waren hoch im Kurs – sich schön anzuziehen ebenso. Hatte man andere Interessen, hieß es „Brav sein!“ oder „Das schickt sich nicht für eine junge Dame!“. Bei Buben war es das Gegenteil: Kämpfen, Pistolen, Kriegsspiele. Konntest du nicht mehr oder – schlimmer noch – warst du verletzt und hast vielleicht sogar geweint, hieß es „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“. (Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Verharmlosung von Rassismus ein anderes, relevantes Thema ist – gleich wie die Korrelation von Sexismus und Rassismus, die damit einhergeht.)

Wir brauchen Feminismus heute mehr denn je!

Nachdem wir unseren Kindern ein falsches Konstrukt von Männlichkeit und Weiblichkeit vermittelt haben, sind wir dreist genug, uns zu wundern, wenn die Nachbarin immer wieder zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückkommt. Wenn Männer gelernt haben, ihre Emotionen mit Gewalt zu kompensieren, wenn Männer Frauen ermorden (Femicide Count 2021, Stand 20.November 2021: 27), dann ist das ein gesellschaftliches System, das dringend verändert werden muss. In unserer vermeintlich pluralistischen und aufgeklärten Gesellschaft züchten wir derzeit aber dieses Phänomen heran und jedes System hat so lange Bestand bis wir beginnen, uns selbst und unser Verhalten zu ändern.

Wieso also jetzt Feminismus? Feminismus ist eine „Strömung, die die Gleichberechtigung von Frauen sowie die Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen und der männlich geprägten Lebensform und Kultur anstrebt“ [1]. Feminismus bedeutet, gegen Sexismus aufzutreten und mit die zuvor genannten Ziele mit entsprechenden Maßnahmen zu erreichen. Somit lautet unser Abschiedswort zum internationalen Weltmännertag: Hoch der Feminismus – weil wir alle Feminist*innen sind!

 

weiterführende Links: https://www.gwi-boell.de/de/2018/05/25/was-ist-feminismus