Frauen und Hochschule

von - Antworten

Trotz der Umsetzung vieler Forderungen nach Gleichberechtigung von Frauen an den Hochschulen ist die strukturelle Diskriminierung von Frauen nach wie vor traurige Realität. Weiterhin werden unter dem scheinbaren Bekenntnis zu Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen patriarchale Werte reproduziert und verfestigt. Moderne Diskriminierung ist zwar wesentlich weniger sichtbar als zu den Anfängen der Frauenbewegung, gleichzeitig wird sie aber damit umso gefährlicher.

bruchsicher: gläserne decke

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien Ungerechtigkeiten zwischen den beiden Geschlechtern den Hochschulen kein Thema mehr. Denn circa 58% aller Studienanfänger_innen sind weiblich und rund 54% der UniversitätsabsolventInnen sind Frauen. Aber: Lediglich 15% der Universitätsprofessor_innen sind weiblich. Bei den Rektor_innen liegen die Zahlen weitaus drastischer. Derzeit gibt es an den österreichischen Universitäten nur vier weibliche Rektorinen.

Der „Glasdecken-Index“ beschreibt die Chancen von Frauen im Vergleich zu Männern, Professorinnen an einer österreichischen Universität zu werden, wobei 1 völlige Chancengleichheit bedeuten würde. 2010 beträgt dieser in Österreich 0,55. Das heißt, dass Frauen es doppelt so schwer haben Professorinnen zu werden, wie Männer.

Diese stetige Abnahme des Frauenanteils resultiert aus verschiedenen sozialen Prozessen. Durch die Dominanz der männlich geprägten Normen kommt es zu einer über Strukturen „gemachten“ Benachteiligung von Frauen. Frauen stoßen ab einem gewissen Zeitpunkt auf unsichtbare, aber vor allem bruchsichere Barrieren. Einer der wesentlichsten Gründe dafür ist die Doppelbelastung, der studierende Frauen ausgesetzt sind. Neben Studium und Arbeit fallen meist noch Familie und Haushalt auf Frauen zurück. Durch diese zusätzlichen Tätigkeiten bleibt weniger Zeit für das Studium und die wissenschaftliche Arbeit. Das sieht man zum Beispiel beim Übergang von Promotion zur Habilitation. Mit diesen Qualifikationsstufen gehen Frauen in der Wissenschaft verloren. Schon bei einem Masterabschluss sinkt der Frauenanteil. Bei Doktoratsstudien sind es dann sogar weitaus weniger Frauen als Männer.

Studienwahl

Vor allem bei Studien und Hochschulen, die aufgrund bestimmter Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft, männlich dominiert sind (Technische Universitäten etc.), sinkt der Frauenanteil drastisch. Laut Gleichstellungsbericht der WU Wien 2010 zeigt sich zum Beispiel bei der vergleichenden Betrachtung der österreichischen Universitäten auf den ersten Blick, dass der Frauenanteil bei den Professor_innen über die verschiedenen Universitäten hinweg stark variiert und in hohem Maße klassische Fächertraditionen widerspiegelt:

Während vor allem die Kunstuniversitäten einen Frauenanteil von bis zu 51,61% (Akademie der bildenden Künste Wien) bei den Professor_innen aufweisen, rangieren vor allem die technischen Hochschulen mit einem Professorinnenanteil von unter 8% (das Schlusslicht bildet die Montanuniversität Leoben mit 2,56%) klar darunter. Das gleiche Phänomen zeigt sich bei den AbsolventInnen.

Maßnahmen und Forderungen

Gegen Stereotype
In der Studienwahl sind leider immer noch geschlechtsspezifische Unterschiede zu bemerken. So studieren auf technischen Hochschulen nur 20 Prozent Frauen. Vorurteile, die immer noch in den Köpfen der Menschen verhaftet sind, beeinflussen junge Frauen in ihrer Entscheidung.Technisches Interesse wird immer noch eher Männern zugeschrieben. Frauen, die sich für Mathematik, Informatik oder anderes interessieren, müssen schon vor der Studienwahl dazu ermutigt werden. Das Geschlecht bestimmt nicht, wer für welche Bereiche besser oder schlechter geeignet ist. Programme, wie „Frauen in die Technik“ sind ein guter Ansatz und müssen ausgeweitet und verbessert werden.

Unbeschränkt studieren
Zugangsbeschränkungen auf allen Ebenen diskriminieren Frauen. Wie die Medizin-Aufnahmeverfahren zeigen, bestehen mehr Männer den Test als Frauen. Auch die geplanten Zugangsbeschränkungen in den aufbauenden Master- und PhD-Studien lassen befürchten, dass Frauen aus dem Hochschulbereich gedrängt werden. Nur der offene und freie Hochschulzugang kann gleiche Chancen für beide Geschlechter herstellen.

Geschlecht lernen – Geschlecht lehren
Eine der hochschulpolitischen Herausforderungen muss daher sein, dass Geschlecht in einem ersten Schritt von den Lehrenden gelernt und in einem zweiten Schritt gelehrt werden muss. Lehrenden und Lernenden soll dabei die Relevanz von Geschlecht in ihrer speziellen Wissenschaftsdisziplin bewusst werden.

Frauen- und Geschlechterforschung
In jedem wissenschaftlichen Fach gibt es frauen- und geschlechtsspezifische Forschung. In der Medizin werden zum Beispiel die unterschiedlichen Auswirkungen von Medikamenten bei Männern und Frauen untersucht, in der Literatur die Wirkung von Schriftstellerinnen. In die Lehre haben diese Forschungsgebiete leider nicht überall Einzug gefunden. Gender Studies ist in vielen Studien immer noch nicht existent oder ein Randgebiet. Darum fordert der VSStÖ verpflichtende Gender-Lehrveranstaltungen in jedem Studium.

Institutionalisierte Chancengleichheit an den Universitäten
Durch den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (AKG) ist, besonders durch seine Unabhängigkeit und Weisungsfreiheit eine wichtige Institution für die Chancengleichheit. Einen weiteren wichtigen Arbeitsschwerpunkt stellt die Erstellung und Umsetzung von frauenfördernden Maßnahmen dar. Dabei wäre die Einführung einer Kontrollkommission für Frauenförderung (KKFF) sinnvoll, welche eine Weiterentwicklung des AKG darstellt. Der KKFF sollte dann der Ort sein, an dem die geschlechtergerechte Budgetverteilung kontrolliert wird. Weiters hat die Kommission das Recht, bei der Nichteinhaltung von Frauenförderungsplänen Budgetkürzungen vorzunehmen. Ihr gebührt auch die sogenannte Einrede bei der unrichtigen Zusammensetzung von Gremien, welche die 50% Quote nicht einhalten. Wenn es binnen vier Wochen nicht richtig nach besetzt wird, kann die Kommission selbst Frauen entsenden.

Zum Beispiel der Ausbau und die Verbesserung bestehender Mentoring Programme
Eine unabdingbare Voraussetzung zur Durchbrechung besagter gläsernen Decken stellt die Möglichkeit für Frauen dar, untereinander Netzwerke zu bilden, ihr Selbstbewusstsein durch gegenseitige Unterstützung zu stärken und aktiv ihre wissenschaftliche Karriere voranzutreiben. Mentoring- und Förderprogramme sollen die Frauen ermutigen im universitären Betrieb zu bleiben und möglichst hohe Bildung zu genießen. Eine finanzielle Stärkung der bestehenden Programme ist ebenso dringend notwendig wie eine Erhöhung des Bekanntheitsgrad.

Mehr Frauen in Führungspositionen
Der Umstand, dass es nur wenige Rektorinnen in Österreich gibt bzw. der Anteil an Professorinnen unter dem Durchschnitt liegt, ist keine tragbare Situation um Frauen und Männer in der Gleichstellung weiterzubringen. Daher muss es einer der obersten Ziele sein mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, unter anderem auch um Vorbilder für zukünftige weibliche Führungskräfte zu schaffen.

Hauptgrund für diese niedrigen Frauenanteile an den Hochschulen ist strukturelle Diskriminierung, zum Beispiel durch lange bestehende Männernetzwerke: Seilschaften, wie der Kartellverband, grenzen Frauen aus Prinzip aus, sind aber gleichzeitig wichtige Player in der österreichischen Hochschullandschaft. Es stellt sich auch die Frage, inwiefern Hochschulen eine wissenschaftliche Karriere von Frauen durch mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten und Kinderbetreuungseinrichtungen sowie ungesicherte Arbeitsverhältnisse derzeit verhindern.

Um dieser Unterrepräsentanz und Diskriminierung von Frauen im wissenschaftlichen Betrieb ein Ende zu bereiten, gibt es viele Möglichkeiten. Eine wäre zum Beispiel eine gesetzlich verpflichtende Frauenquote, wie es in Norwegen schon lange üblich ist. Die 40-prozentige Frauenquote in allen Gremien, die mit der Universitätsgesetznovelle 2009 eingeführt wurde, ist ein erster Schritt, reicht aber noch lange nicht. Auch strukturell verankerte Frauenförderungseinrichtungen, wie ein verpflichtendes Vizerektorat dafür, wären erstrebenswert.

No means no!
Gewalt von Männern gegenüber Frauen ist auch auf den Hochschulen ein Thema. Gerade im Herbst 2009 wurden einige Fälle von sexueller Belästigung auf der Universität Salzburg aufgedeckt. Die Hochschulen sollten aber ein Ort sein, an dem sich jede Frau sicher und geschützt vor sexualisierter Gewalt fühlen sollte. Daher ist es einerseits wichtig, dieses Problem immer wieder zu thematisieren, aber auch genügend Anlaufstellen für betroffene Frauen in den Hochschulen einzurichten.

Ihre Meinung

WordPress.org

© 2010 VSStÖ Graz - Business WordPress Theme by ThemeShift