Bologna

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Der Bologna Prozess – Ursache allen Übels?

Unter dem Bologna-Prozess wird in Österreich meist die Umstellung auf die dreigliedrige Studienstruktur (Bachelor, Master, PhD) und die Verwendung des ECTS-Punktesystems (European Credit Transfer and Accumulation System) verstanden. Viele hochschulpolitische Veränderungen wie z.B. die Verschulung von Studien werden ebenfalls auf Bologna zurückgeführt. Worum es sich beim Bologna-Prozess tatsächlich handelt, dass dieser politisch sehr viel tiefer geht als oft diskutiert wird und dass er oft als Ausrede für hochschulpolitische Verschlechterungen verwendet wird, ist aufgrund der intransparenten Strukturen und verkürzten Debatten oft nicht klar erkenntlich.

Geschichte und Struktur des Prozesses

Der Bologna-Prozess nahm seine Anfänge schon Ende der 1990er-Jahre, als verstärkte Bestrebungen zu einer hochschulpolitischen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene entstanden. Die Gründung des Prozesses wurde 1999 mit der Unterzeichnung der “Bologna-Erklärung“ durch die ersten 29 Mitgliedsstaaten besiegelt. Diese Erklärung stellt neben den sogenannten Communiqués, die bei zweijährig stattfindenden Minister_innenkonferenzen beschlossen werden, die Basis des Prozesses dar.

Weder die Bologna-Erklärung, noch die Communiqués sind jedoch rechtlich bindend, da die EU keine politischen Kompetenzen bei Bildungsfragen besitzt. Obwohl dem Prozess mittlerweile schon viele Staaten außerhalb der EU-Grenzen beigetreten sind (Anfang 2012 sind es 47 Mitgliedsstaaten), sind die organisatorischen Strukturen des Prozesses sehr stark an EU-Strukturen gekoppelt – hier wird der Versuch der EU deutlich, Einfluss auf den europäischen Hochschulraum auszuüben.

Inhaltliche Ausrichtung

Unter die öffentlich kommunizierten Zielsetzungen des Bologna-Prozesses fallen vor allem die unbürokratische Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen und die Vereinheitlichung der Studienstruktur, welche die Erhöhung der Mobilität von Studierenden und auch Lehrenden zum Ziel haben. Die konkrete inhaltliche Ausrichtung dieser und weiterer Zielsetzungen basiert auf den Communiqués, in denen sogenannte “action lines“, also Arbeitsschwerpunkte, festgelegt werden. Diese sind allerdings sehr schwammig formuliert und lassen Nationalstaaten in der Umsetzung große Interpretationsspielräume. Aufgrund der losen Vertragsstruktur des Bologna-Prozesses, die rechtlich nicht bindend ist, werden außerdem gewisse Bologna-Ziele außen vorgelassen, während andere als verpflichtend und unumgänglich kommuniziert werden. Dies macht es nationalen Regierungen möglich – so auch in Österreich – den Bologna-Prozess für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Mobilität oder “Employability“ (Beschäftigungs- bzw. Arbeitsmarktfähigkeit) sind auf der einen Seite Beispiele für action lines, die in der Debatte um Bologna zentral sind und von Nationalstaaten angestrebt werden. Action lines, die nicht oft mit Bologna in Verbindung gebracht werden, sind auf der anderen Seite z.B. Lebenslanges Lernen, das Konzept des Studierenden Zentrierten Lernens oder die Soziale Dimension, die bessere soziale Durchmischung und Repräsentanz aller Gesellschaftsgruppen an den Hochschulen anstrebt. Am Beispiel der Sozialen Dimension wird sichtbar, dass die nationale Hochschulpolitik nur die Schwerpunkte des Bologna-Prozesses verfolgt, die ihren eigenen Zielen entspricht: Anstatt im Sinne von Bologna zu handeln und die soziale Durchmischung an den Hochschulen zu verbessern, wird die scheinbare Notwendigkeit der Wiedereinführung von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen hervorgehoben, obwohl beides nachweislich der sozialen Durchmischung entgegenwirkt. Im Gegensatz dazu wurde die Einführung der dreigliedrigen Studienstruktur als gesetzmäßige Notwendigkeit kommuniziert und vergleichsweise schnell umgesetzt.

Umsetzung in Österreich

Studienstruktur

Die Umsetzung der Bologna-Richtlinien in Österreich hat, wie vielen Studierenden aus ihrem Alltag bekannt ist, zu vielen Problemfeldern geführt. Die Umstellung auf die dreigliedrige Studienstruktur – eine der relevantesten Aspekte der Hochschulreformen seit 2000 – musste “kostenneutral“, also ohne zusätzliche finanzielle Mittel, erfolgen. Dies führte dazu, dass Studien meist nicht an das Bologna-System angepasst neu konzipiert wurden, sondern die alten Studienpläne der 4-jährigen Diplomstudien in den 3-jährigen Bachelor hineingepresst wurden. Damit entstanden vollkommen unstudierbare Studienpläne, (freie) Wahlfächer wurden oft zur Gänze gekürzt und durch verstärkte Verschulung der Studienpläne und durch Voraussetzungsketten gingen Flexibilität und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und Interdisziplinarität verloren.

Mobilität

In Hinsicht auf die Frage der Mobilität hat die Bologna-Umsetzung zu einer sehr paradoxen Situation geführt: Durch die Verschulung und die Kürzung von Wahlfächern wurde es immer schwieriger, sich Lehrveranstaltungen von anderen Hochschulen – egal ob in- oder ausländische – anrechnen zu lassen. Bei der Anerkennung spielt nicht die Gleichwertigkeit von Lehrveranstaltungen eine Rolle, sondern es wird die komplette Gleichheit von Lehrveranstaltungen (ECTS-Punkteanzahl, Titel, Beschreibung der Lehrveranstaltung, etc.) gefordert. Aus diesem Grund grenzt es teilweise an die Unmöglichkeit, z.B. von Innsbruck nach Wien zu wechseln ohne Teile des Studiums wiederholen zu müssen. Auslandsaufenthalte wurden u.A. durch die kürzere Studienzeit in Bachelor-Studien ebenfalls erschwert. Bologna hat in Österreich also paradoxerweise zur eine Einschränkung der Mobilitätsmöglichkeiten geführt.

Weitere Umsetzungs-Schwierigkeiten

Der von Bologna geforderte Paradigmenwechsel vom “Teacher Centered Learning“ hin zum “Student Centered Learning“, bei dem die Studierenden und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, gelang bisher noch nicht. Lebenslanges Lernen stand ebenfalls nicht im Zentrum des politischen Interesses und die Soziale Dimension wird wie oben erläutert systematisch aus den Bologna-Bestrebungen ausgeklammert.

Viele dieser Problemfelder entstanden aufgrund der unzureichenden Finanzierung und der Unfähigkeit der österreichischen Hochschulpolitik in der Umsetzung der Bologna-Richtlinien und sind nicht per se auf die Bologna-Zielsetzungen zurückzuführen. Der Bologna Prozess wird also in vieler Hinsicht als Ausrede verwendet.

Der Prozess und sein politischer Kontext

Der Bologna-Prozess muss immer in seinem politischen Kontext gesehen werden – auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Die Auslegung und Interpretation der Bologna-Richtlinien geschieht innerhalb kapitalistischen politischen Systemen und ist daher auf die marktwirtschaftliche, “effiziente“ und outputorientierte Relevanz von Bildung ausgerichtet. Hochschulpolitische Diskurse laufen damit Gefahr, den emanzipatorischen Wert von Bildung aus den Augen zu verlieren und Studien, Lehrveranstaltungen und Lehrinhalte in “rentabel“ und “unrentabel“ zu differenzieren. Diese Auswirkungen sind bereits klar zu spüren: 2011 wurde die Abschaffung des erst jungen Studiums Internationale Entwicklung an der Uni Wien beschlossen – offensichtlich aufgrund mangelnder ökonomischer Rentabilität. Die Ökonomisierung erfolgt u.A. aus den Bestreben heraus, Europa zu dem effizientesten, wettbewerbsfähigsten Wissensraum der Welt zu machen. Bildung, Wissenschaft und Forschung dürfen jedoch nicht von privaten und ökonomischen Interessen bestimmt werden – Zentral muss immer noch die Unantastbarkeit der Hochschulbildung sein!

Wessen Uni? Unsre Uni!

Die Umsetzung des Bologna-Prozesses muss äußerst kritisch betrachtet werden. Fehlentwicklungen wie die Verschulung der Studien, die Einschränkung von Mobilitätsmöglichkeiten und Ökonomisierung von Bildung müssen umgehend rückgängig gemacht werden. Der Bologna-Prozess muss zu einem transparenten, demokratischen Prozess werden, in den Studierende miteingebunden werden. Die Gestaltung von Curricula muss sich wieder an der Möglichkeit kritischen und reflexiven Lernens orientieren. Anstatt Studienpläne nach dem Gedanken der „employability“ auszurichten, sollen Hochschulen Interdisziplinarität fördern und emanzipatorische Bildung möglich machen. Der Fokus des politischen Interesses muss sich auf Studierenden zentrierte Lehre und die soziale Durchmischung und Durchlässigkeit richten. Der Zugang zu Bildung muss frei sein – unabhängig von Herkunft, sozialem Umfeld, Geschlecht und sexueller Orientierung. Und in dieser Hinsicht muss der Bologna-Prozess mit aller Vehemenz umgestaltet werden.

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